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Der Vertrag von Locarno

Die am 16.10.1925 in Locarno am Lago Maggiore zu Ende gehenden Verhandlungen zwischen Deutschland, Belgien, Großbritannien, Italien, Polen und der Tschechoslowakei führten zu einem Kern von Abkommen, deren Kern der "Sicherheits-, Rhein- oder Westpakt" darstellte. Unter britisch-italienischer Garantie verpflichteten sich die westlichen Vertragsteilnehmer den Status Quo des Versailler Vertrages von 1919 aufrechtzuerhalten und die dort festgelegten Grenzen zu respektieren.

Die Teilnehmer vereinbarten einen Gewaltverzicht und verpflichteten sich, jegliche Streitfragen auf friedlichen Wegen zu klären. Weiterhin bestätigte man Frankreich die Artikel 42 und 43 des Versailler Vertrages, der die Entmilitarisierung des Rheinlandes vorsah.

Deutschland ging diesen Weg ohne jeglichen Druck von außen und gab somit Elsass-Lothringen auf. Im Gegenzug erhielt das Land eine Gleichberechtigung auf internationaler Bühne.

Erst mit diesen Verträgen war Deutschland befähigt dem Völkerbund beizutreten und konnte dann in das kollektive Sicherheits- und Kontrollsystem einbezogen werden. Gerade dieser Vertrag, initiiert durch Gustav Stresemann und Aristide Briand, polarisierte im Innern Deutschlands die Massen in befriedigte Erwartungen und begründeten Enttäuschungen.

Deutschland litt noch immer schwer unter den Folgen des verlorenen Krieges. Das Rheinland lag unter dem Schatten Frankreichs, das separatistische Ströme unterstütze, die nur schwer in Zaum gehalten werden konnten. Die Aufgabe des "Passiven Widerstands" bei der Besetzung der Ruhr durch die Franzosen, zeigte auch die internationale Ohnmacht der Republik.  Die unterlassene Räumung der Kölner Zone 1925 durch Frankreich (aufgrund angeblicher Verstöße gegen die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages) hatte lediglich verbale Proteste Berlins zur Folge.

Durch die Ablösung Poincare`s durch Herriot änderte sich das Klima zwischen Frankreich und Deutschland, obwohl auch Herriot die Stationierung französischer Truppen am Rhein als eine Garantie für die Sicherheit Frankreichs ansah. So wollte Frankreich den Druck auf Deutschland aufrechterhalten und auch seine militärische Stärke als politisches Mittel einsetzen. Das Ziel dieser Politik konnte nur eine Dauerkontrolle Deutschlands und die Loslösung des Rheinlandes von Deutschland sein.

Obwohl sich USA und Großbritannien gegen eine Garantie der französischen Kriegsgewinne aussprachen und Herriot wie auch sein Nachfolger Briand den Weg der Entspannung suchten, war die Gefahr der Fremdkontrolle für Deutschland nicht gebannt. Forderungen nach Schiedsgericht, Sicherheit und Abrüstung wurden von beiden Seiten, jedoch aus unterschiedlichen Antrieben, gefordert. Sollte es nicht zu einer Lösung dieser Problemstellungen kommen, sowie zu einer gerechten Einigung, befürchteten Reichskanzler Luther und Außenminister Stresemann eine Ausweitung der französischen Besatzung.

Durch die Ablösung des Konservativen-Kabinetts unter Baldwin, durch das Labour-Kabinett unter MacDonald in London lockerte sich auch das Verhältnis Deutschland - Großbritannien. Dies zeigte sich bei den Verhandlungen über die Neugestaltung der Reparationszahlungen mit Hofe des US-Finanzexperten Dawes. Hier wurde Deutschland in der britischen Hauptstadt als gleichberechtigter Partner hinzugezogen. Deutschland hielt diese Verhandlungen für den richtigen Zeitpunkt, den Ausgleich mit den ehemaligen Kriegsgegnern zu suchen.

Die Reichsregierung sah ihre Aufgabe vordergründig nicht in der Revision des Versailler Vertrages sondern vielmehr in der Zurückweisung Frankreichs in die festgelegten Grenzen und das Verhindern von frz. Sanktionsmöglichkeiten. So regte die Regierung am 09.02.1925 einen "Pakt der am Rhein interessierten Mächte" mit Vorschlägen an, die in Locarno zur Substanz der Abmachungen wurden. Die Regierung zeigte weiterhin die Bereitschaft zum Abschluss von Schiedsverträgen mit anderen Staaten zur Regelung "rechtlicher und politischer Konflikte".

Luther und Stresemann standen dennoch unter großem Druck. So durfte der Vertragsabschluss nicht die Anerkennung der Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages bedeuten und sollte vor allem keine Garantie der im Osten gezogenen Grenzen bedeuten, wie von den Franzosen gefordert. In Locarno konnte man die deutschen Vorschläge, welche von dem Protest der polnischen Regierung begleitet wurden, dennoch durch einen Schiedsvertrag neutralisieren.

In der Folge führte Locarno zur Räumung der Kölner Zone, den ersten Lockerungen des Besatzungsregimes und zur Befriedung Europas und einer langsam fortschreitenden Gleichberechtigung Deutschlands. Doch brachte Locarno auch innenpolitische Streitigkeiten und Auseinandersetzungen die in eine Krise führten und zum Rücktritt der Regierung.

Das Ausland betrachtete die Abmachungen als einen Neubeginn europäischer Zusammenarbeit, im Inland hingegen erhob sich eine heftige Opposition von rechts wie von links. Ihr Träger war vor allem die Deutschnationale Volkspartei; sie zog ihre Minister aus dem Kabinett zurück. Als Begründung gab man an, dass den Deutschen Freiheit und Gleichberechtigung vorenthalten werden, die Zeit wäre noch nicht reif für eine solche Verständigung. General Ludendorff sprach von einem Vertrag der "Unehre und Versklavung". Ernst Thälmann erklärte, in Anlehnung an Stalins Behauptung Locarno wäre die Fortsetzung Versailles, das die Abmachungen einen britischen Versuch darstellten, Deutschland in eine imperialistische Front und in einen antirussischen Block einzubeziehen. Fast ähnlich sah es erstaunlicherweise auch der Chef der Obersten Heeresleitung von Seeckt. Er hielt die Locarno-Genf-Politik für falsch, weil sie Deutschland binde, womit Deutschland nicht Objekt sondern eher Subjekt und ein "gefügiger Bundesgenosse" sei. Seine Haltung war bestimmt durch die Lage im Osten. Ihm erschien bereits 1922 die Existenz Polens als "unerträglich" und "unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands". Polen werde und müsse durch eigene Schwäche und durch Russland mit deutscher Hilfe verschwinden. Seeckt empfahl sich innerlich zu festigen und sich eine freie Hand im Osten zu bewahren. Hierzu passte Locarno eben nicht.

Andere Alternativen konnte auch die Opposition nicht anbieten. Erst Hitler und Strasse (1925) fanden eine Antwort, die für sie passender war. Sie zerrissen beide "Papierfetzen".

Am 27.11.1925 genehmigte der Reichstag mit 291 gegen 172 Stimmen bei 3 Stimmenthaltungen die Verträge. Fast 14 Jahre später bestritt Hitler den Weg der gewaltsamen Revision und legte 6 Jahre später Deutschland in Trümmer.

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