Das Britische Expeditionskorps in Frankreich
aufgrund eines mit Polen und Frankreich abgeschlossenen
militärischen Beistandspaktes hatte England nach dem Kriegsausbruch zwischen
Deutschland und Polen am 3. 9. 1939 Hitlers »Drittem Reich« den Krieg erklärt,
in Erfüllung seiner Bündnispflicht begann damit England, wie schon im I.
Weltkrieg, zur Unterstützung des französischen Heeres wieder Truppen auf dem
Festland zu landen, da jedoch deutsche Angriffe aus der Luft und von See her
erwartet wurden, wählte die englische Heeresleitung - im Gegensatz zu 1914 anstelle, der Kanalhäfen westfranzösische
Häfen als Landebasis, die Ausschiffung der Truppen erfolgte daher in
Cherbourg, die Ausladung von Ausrüstung, Material und Fahrzeugen in Nantes,
St. Nazaire und Brest, die Entfernungen von diesen Häfen bis zum
Versammlungsraum der englischen Streitkräfte (die den Namen BEF = British
Expeditionary Forces - britische Expeditionsstreitkräfte erhalten hatten) in
der Gegend von Le Mans - Laval betrug 300 Kilometer, bis zu ihrem
Aufmarschraum um Lille nahe der belgischen Grenze insgesamt deren 800
zuerst traf am 14. 9. 1939
Lord Gort als Oberbefehlshaber mit seinem
Stabschef Generalleutnant Pownall ein, um
zunächst das Hauptquartier in Le Mans, das später wiederholt verlegt wurde, zu
beziehen, nach einer Absprache mit den Franzosen sollten die britischen
Streitkräfte im Bereich der französischen Heeresgruppe 1 (General Bilotte), und zwar zwischen der französischen 1.
und 7. Armee in Nordostfrankreich eingesetzt werden, am
22. 9. 1939 landeten
dann die ersten englischen Truppen - Einheiten des 1. Korps - auf
französischem Boden, im Laufe der folgenden Wochen und Monate trafen weitere
Verbände ein, wobei sich die britischen Divisionen, da sich von Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940
keinerlei Kampfhandlungen im Westen abspielten (»Sitzkrieg«), in aller
Ruhe versammeln und aufmarschieren konnten
Anfang März 1940 bestanden die englischen Landstreitkräfte
aus:
- Hauptquartier (General Lord
Gort)
- Heeres- und Korpstruppen mit leicht gepanzerten
Aufklärungsbataillonen, mittleren Artillerieregimentern
(11,43-em-Kanonen und 15,24-emHaubitzen), Pionier- und
Nachrichteneinheiten)
- 1. Heerestankbrigade (General
Pratt)
- I. Korps (Generalleutnant
Barker) mit 1., 2. und 48. Infanteriedivision
- II. Korps (Generalleutnant
Brooke) mit 3., 4. und 50. Infanteriedivision, die 3. Division
führte Generalmajor Montgomery, der später
berühmt gewordene britische Feldmarschall
- III. Korps (Generalleutnant
Adams) mit 5., 42. und 44. Infanteriedivision
die 51. (Hochland-) Infanteriedivision war zunächst in der
Maginotlinie zwischen Hagenau und Longuyon eingesetzt und nahm an den
kommenden Kämpfen in Belgien und Nordfrankreich nicht teil, das waren fünf
reguläre und fünf territoriale Divisionen, die bis auf eine voll motorisierte
Division alle teilmotorisiert waren, neben den Infanteriedivisionen waren die
Panzer- und gepanzerten Truppen noch bemerkenswert, so befand sich bei den
Heerestruppen ein Regiment mit zwei Bataillonen Rad-Panzerspähwagen, jede
Division verfügte in ihren Aufklärungsabteilungen über leichte Panzer VI,
insgesamt waren das 380 Stück, dazu kam noch die 1. Heeres-Tankbrigade mit
rund 100 schwergepanzerten Typen Mark I und II, die einzige, bis dahin in
England aufgestellte Panzerdivision (General Evans)
wurde erst am 23. 5.1940 in Cherbourg mit ca. 230
Panzern, darunter auch den neuen Typen Mark III, ausgeschifft und kam daher
viel zu spät zum Einsatz, alles in allem betrug die Gesamtstärke der
britischen Bodentruppen in Frankreich 1940 etwa
240.000 Mann
die britische Luftwaffe zählte damals rund 1150 Flugzeuge
der verschiedensten Muster, von denen 456 in Frankreich stationiert wurden,
davon:
- 261 Jäger der Typen »Hurricane«, »Defiant«
und »Gladiator«
- 135 leichte Bomber und Aufklärer der Muster »Blenheim«,
»Wellington«, »Hampden« und »Whitley«
- 60 Armee-Verbindungsmaschinen
eine Infanteriedivision mit einer Stärke zwischen 14.000
und 16.000 Mann gliederte sich allgemein in:
- Divisionsstab
- 3 Infanteriebrigaden zu je 3 Bataillonen (je 780
Mann) mit 1 Stabskompanie, dabei ein Zug mit 10 Bren-Gun-Carrier
(gepanzerte MG-Träger) und 4 Schützenkompanien (A-D)
- 1 Maschinengewehrbataillon mit 4 Kompanien (48 sMG)
- 1 Aufklärungsabteilung mit 1 Stabskompanie und 3
Kompanien (67 Bren-Gun-Carrier, 45 leichte Panzer oder Radspähwagen)
- 1 Artilleriegruppe mit 3 Feldartillerieregimentern zu
je 2 Abteilungen mit je 3 Batterien zu je 4 Geschützen (72 meist leichte
Feldkanonen, (8,38 cm, und Haubitzen, 8,76 cm)
- 1 Panzerabwehrabteilung mit 4 Abteilungen zu je 3
Batterien zu 4 Geschützen (48mal 4-em- oder 4,7-em-Pak)
- 1 leichte Flak-Abteilung mit 28 Flak (2- oder
4-cm-Geschützen)
- 1 Pionierbataillon mit 3 Kompanien und 1
Pionier-Park-Kompanie
- 1 Nachrichtenabteilung mit 3 gemischten Funk- und
Fernsprechkompanien, die auch die Nachrichtenzüge für die Brigaden usw.
stellten
- Versorgungstruppen wie Nachschubkompanien (aufgeteilt
auf die Brigaden), Werkstattkompanie, Sanitätstruppen usw.
insgesamt befanden sich in der Division über 3100
Fahrzeuge, davon 349 Lkw mit 1,5 t und 206 mit 3 t Ladefähigkeit, jedes
Bataillon verfügte ständig über 41 geländegängige Gefechtsfahrzeuge und 13
Lkw, auf denen rund ein Drittel des Bataillons befördert werden konnte, vor
allem Führungsteile, schwere Waffen und Trosse, um auch die übrigen Teile
einer Brigade beweglich machen zu können, wurde aus den Korpstruppen eine
Kraftwagen-Transportkompanie mit 3 Zügen zugeteilt (je 25 Lkw), von denen ein
Zug für den Transport eines Bataillons bestimmt war, wenn dies auch nicht eine
vollständige Motorisierung der britischen Infanterie bedeutete, so wurde im
Gegensatz zum deutschen Fuß-Infanteristen der englische Soldat durch dieses
teilmotorisierte System schon zu Beginn des Krieges weitaus beweglicher
gemacht
die englische Infanterie trug auch den neuen khakifarbenen
»Battle dress« (Kampfanzug) von 1937, der ebenfalls wesentlich praktischer und
bequemer als die deutsche Felduniform war, er bestand aus dem typischen
schüsselförmigen, verbesserten Stahlhelmmodell des I. Weltkriegs,
blusenartiger Feldjacke, langer Überfallhose mit großen, aufgesetzten Taschen
und Schnürschuhen mit kurzen Gamaschen, zur Einzelausrüstung gehörten 1
Feldflasche, 7 Brotbeutel, Schanzzeug, die am Gurt umgehängte Gasmaske in
großer Tasche, Tornister und als besonders auffallend die Patronentasche, die
nicht am Koppel, sondern an einem Traggestell rechts und links am Oberkörper
getragen wurden, all diese Ausrüstungsgegenstände waren aus festem, doch
leichtem Cord- bzw. Segeltuchmaterial hergestellt, typisch waren auch
die Ärmelspangen aus Messing mit den Namen und Bezeichnungen traditionsreicher
britischer Regimenter, die am Oberarm getragen wurden, zur Bewaffnung des
Infanteristen gehörten das neue Gewehr Nr. 3, Seitengewehr und einige
Ei-Handgranaten
die englischen »Tommys«, wie sie von den deutschen
Soldaten genannt wurden, nahmen den Krieg zunächst keineswegs sehr ernst, von
der französischen und belgischen Bevölkerung wurden sie stürmisch begrüßt und
gefeiert, ihre Zeit verging monatelang nur mit Schanzen, Stellungsbau und
Ausbildung, übermütig sangen sie das damals weithin bekannte Lied vom »Aufhängen
ihrer Wäsche an der Siegfried-Linie«, womit sie den deutschen Westwall
meinten, den sie rasch zu nehmen glaubten, doch die Geschehnisse verliefen
dann ganz anders, mit Beginn des deutschen Angriffs im Westen am 10. Mai 1940 wurde es auch für die Briten ernst,
ihr Feldzug von 22 Tagen lässt sich in drei große Abschnitte einteilen
am gleichen 10. Mai, 06.15
Uhr, begann das englische Expeditionsheer ebenso wie die französischen
Streitkräfte im Norden gemäß dem alliierten Plan in Belgien einzurücken, um
die Verbindung mit den verbündeten holländischen und belgischen Armeen
herzustellen, wobei die Engländer etwa zwanzig Kilometer ostwärts Brüssels
zwischen Wavre und Löwen die sogenannte Dyle-Stellung zu besetzen hatten, sie
wurde fünf Tage lang verteidigt und gehalten, als jedoch im Süden der deutsche
Panzerdurchbruch an der Maas erfolgte, musste der Oberbefehlshaber der
französischen Heeresgruppe 1, General Bilotte,
dem auch das britische »BEF« unterstand, in der Nacht zum 17. Mai den Befehl zum Zurückgehen geben, damit
begann der zweite Abschnitt für die Engländer, der sie unter ständigem
deutschem Druck in einer fortgesetzten Absetzbewegung nach Westen bis in den
Raum um Lille zurückführte, aus dem sie am 10. 5.
vormarschiert waren
hier kam es zu einer Lageentwicklung, die nicht nur den
ganzen Verlauf des Westfeldzugs entscheidend beeinflusste, sondern auch den
vorzeitigen Abzug der britischen Expeditionsarmee herbeiführen sollte. um den
nur vierzig Kilometer breiten »Korridor«, durch den die deutschen
Panzerverbände schon zur unteren Somme vorstießen, wieder zu schließen, sollte
ein gemeinsamer französisch-britischer Gegenangriff stattfinden, englische
Truppen, darunter die 1. Tankbrigade, traten auch am 21.
5. bei Arras nach Süden an, doch die Franzosen hatten keine
Möglichkeit, ihnen nach Norden entgegenzukommen, der anfangs erfolgreiche
englische Angriff, der besonders die deutsche 7. Panzerdivision traf und für
einen Tag lang auf deutscher Seite eine kritische Lage schuf, schlug letztlich
fehl, und die Briten verloren dabei bis zum 22. 5.
einundvierzig von ihren Panzern, da General Gort
nun einerseits der festen Meinung war, daß das Loch südlich von Arras nicht
mehr geschlossen werden könne, während andererseits die deutschen Panzer
bereits sommeabwärts zum Meer vordrangen, blieb nur noch die Hoffnung, auf die
Küste zurückzuweichen, solange noch Zeit dazu war, daher gab der britische OB
in der Nacht zum 23. 5. aus eigener Verantwortung
den Befehl, nunmehr nach Norden den Rückzug anzutreten, dies wurde um so
notwendiger, als die englische Infanterie ab dem 23. 5.
schon auf halbe Munitionsrationen gesetzt werden mußte, die Artillerie sich
fast verschossen hatte und gerade noch vier britische Divisionen aus dem sich
schon schließenden Kessel in Lille entkommen konnten, daß Lord Gort gegenüber den Franzosen zwar
schmählich, in den Augen der britischen Regierung aber richtig gehandelt
hatte, bewies ihm zwei Tage später eine amtliche Weisung aus dem britischen
Kriegsministerium, »von nun an auf die Küste hin zu operieren«
damit begann ab dem 24. 5. der dritte Kampfabschnitt
für die britische Armee, die schweren Rückzugsgefechte zur Kanalküste, um
einer weiteren drohenden Einschließung zu entgehen, sie führten über die
damaligen britischen Schlachtfelder des 1. Weltkriegs bei Vimy, Douai,
Armentires, Ypern usw, nachdem am 25.5. schon
Boulogne von den Deutschen genommen und Calais am 26. 5.
gefallen war, blieb den nunmehr in einem engen Schlauch zusammengedrängten und
von drei Seiten angegriffenen englischen Truppen nur noch der letzte Weg nach
dem Hafen Dünkirchen frei, unter Aufbau einer starken Brückenkopfstellung
begann die »Operation Dynamo«, die in die Kriegsgeschichte eingegangene
Rettung des britischen Expeditionsheeres aus Frankreich, das kühne Unternehmen
war dadurch ermöglicht worden, weil Hitler seinen
Panzern einen Haltebefehl erteilt und der spätere Reichsmarschall Hermann Göring erklärt hatte, Briten und
Franzosen im Kessel mit der Luftwaffe zu vernichten was durch schlechtes
Flugwetter und andere Umstände indessen nicht durchführbar gewesen war, in der
Frühe des 30. 5. wurden als erste die Divisionen
des III. Korps auf Schiffe verladen und in der Nacht zum
3. 6. verließ das letzte englische Regiment wieder französischen Boden
die britischen Verluste in diesem nur 22tägigen Feldzug
betrugen 3457 Tote, 13.602 Verwundete und 3267 Gefangene, sie erhöhten sich
später noch um weitere 8300 Mann Verluste, weitaus größer waren die Material-
und Geräteverluste, so hatten die Engländer nahezu ihre gesamte schwere
Ausrüstung verloren, darunter 880 Feldkanonen, 310 Geschütze größeren
Kalibers, ca. 850 Pak, etwa 500 Flak, 6400 Panzerbüchsen, 11.000 MG, fast
20.000 Motorräder und 45.000 Pkw und Lkw, von 704 Panzern kamen nur 25 zurück,
schwerer aber wog für die deutsche Seite, daß in dieser Rettungsaktion über
See die Masse der britischen Soldaten nach England zurückgebracht werden
konnte, es waren nach Angaben General Gorts
224.585 Mann einschließlich der Verwundeten, außerdem noch 112.546
französische Soldaten
mit der Evakuierung bei Dünkirchen aber waren die Kämpfe
der Briten, wie meist angenommen wird, noch nicht zu Ende, noch befanden sich
weiterhin die 51. Infanteriedivision und die 1. Panzerdivision in Frankreich,
die 51. Division,
die erst in der Maginotlinie eingesetzt worden war, wurde inzwischen im
Bahntransport an die Somme verlegt und ging dort am linken Flügel der
französischen 10. Armee am 27. 5. in Stellung,
von hier aus stieß sie gemeinsam mit Abteilungen der 1. Panzerdivision und
französischen Einheiten gegen die deutschen Brückenköpfe an der unteren Somme
vor, die allerdings nicht beseitigt werden konnten und wobei die englischen
Panzer noch schwere Verluste, erlitten, bei Beginn der neuen deutschen
Offensive am 5. Juni 1940 wurde die Masse der 51.
Division zur Küste hin abgedrängt, wo bei St. Valery zusammen mit Franzosen
ein kleiner Brückenkopf gebildet wurde, während es hier noch einzelnen Teilen
gelang, sich bis zum 11. 6. einzuschiffen (2137
Engländer, 1184 Franzosen), musste der Rest der 51. ID unter ihrem Kommandeur,
Generalmajor Fortune, mit rund zweihundert
Offizieren und fünftausend Mann am 12. 6. vor der
deutschen 7. Panzerdivision unter Generalmajor Rommel
kapitulieren, die Reste der 1. Panzerdivision konnten noch am 17. 6. in Brest nach England verschifft werden
(25 Panzer), damit hatten auch die letzten britischen Truppen das Festland
wieder verlassen
die Engländer hatten damit nach dem kurz zuvor zu Ende
gegangenen Norwegenfeldzug - eine zweite schwere Niederlage erlitten, aber sie
waren nicht endgültig geschlagen worden und sie sollten wiederkommen, fast auf
den Tag genau landeten vier Jahre später wieder englische Divisionen zusammen
mit amerikanischen Truppen in Frankreich zum Sturm auf die »Festung Europa«